Gestalttherapie
Von den Anfängen zur heutigen Version von Westcoast – Gestalttherapie
Die ersten ProtagonistInnen der Gestalttherapie waren Fritz Perls (8.7.1893 in Berlin – gest. 14.3.1970 in Chicago) und Lore Posner , später Laura Perls, (15.8.1905 in Pforzheim – gest. 13.7.1990 in Pforzheim), beide zunächst PsychoanalytikerInnen.
Fritz Perls gelangte früh durch Erfahrungen mit der Arbeit von Max Reinhardt (expressionistisches Theater) in die Auseinandersetzung mit der Kongruenz / Inkongruenz zwischen gesprochenen Worten und dem mimischen bzw. körperlichen Ausdruck.
Dadurch erweiterte sich seine Wahrnehmung von Menschen über die damals in der Psychoanalyse übliche Fokussierung auf geäußerte Inhalte hinaus auf den Gesamtausdruck des Organismus auf mehreren Ebenen und später auch auf die Lebens- und Situationszusammenhänge von Individuen.
Außerdem arbeitete er seit 1926 als Assistenzarzt bei Kurt Goldstein. Sie führten Studien an hirnverletzten PatientInnen durch, was sein Verständnis der Wahrnehmungszusammenhänge von Menschen grundlegend veränderte. Goldstein machte Perls auf die Gestaltpsychologie aufmerksam, die einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Gestalttherapie haben sollte.
Zu dieser Zeit lernten sich Fritz Perls und Lore Posner, eine Studentin Goldsteins, kennen und sie heirateten 1930.
Beider hinzu gewonnene Erkenntnisse wurden fortan gemeinsam zu einem neuen Verständnis von Psychodynamik und Therapie verwoben, das später in die Entwicklung der Gestalttherapie mündete.
1927 begegnete F. Perls dem Arzt und Psychiater Wilhelm Reich (24.3.1897 in Dobzau, Österreich-Ungarn – gest. 3.11.1957 in Pennsylvania, USA) Pionier u.a. der Körperpsychotherapie. Die Arbeit mit Reich bereicherte Perl´s Verständnis vom menschlichen Organismus, dessen Themen und Ressourcen sich auf allen Ebenen (körperlich / emotional / geistig) widerspiegeln und auch über alle Ebenen zu erschließen sind.
Angeregt durch Reich erlangte er zudem ein völlig neues Verständnis des Energieflusses im menschlichen Organismus, welches seinen Blick auf psychische Prozesse für immer veränderte.
1933 emigrierten die Perls´ über die Niederlande nach Südafrika, wo sie das South African Institute for Psychoanalysis gründeten und zwei Kinder bekamen, eine Erfahrung, die ebenfalls ihr Verständnis von Menschsein und Entwicklung enorm erweiterte.
Alle neuen Beobachtungen und Erfahrungen der beiden flossen beständig ein in ihre psychologische Theoriebildung.
Ihre Erkenntnisse über orale Widerstände, welche auf ihren Beobachtungen als Eltern fußten, betrachteten sie als eine Bereicherung für die Psychoanalyse, was von den psychoanalytischen KollegInnen wider Erwarten auf einem psychoanalytischen Kongreß 1936 in der Tschechoslowakei nicht geteilt wurde.
Auch eine persönliche Begegnung zwischen Fritz Perls und Siegmung Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, verlief für Perls überraschend frustrierend, da Freud Perl´s Wertschätzung nicht erwiderte.
Diese Erfahrung begründete den Bruch der Perls´mit der Psychoanalyse.
Ihre Experimente und Beobachtungen, zum Beispiel mit dem Kontakt zwischen TherapeutIn und KlientIn, flossen fortan in die Entwicklung einer eigenen Therapieform.
1941 erschien ihr Buch „das Ich, der Hunger und die Aggression“ – eine Revision von Freuds Theorie und Methode.
1946 emigrierte die Familie in die USA, wo für einige Zeit eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Paul Goodman (9.9.1911 in New York – 2.8.1972 in North Stratford, USA), einem Dramatiker und Psychotherapeuten und Ralph Hefferline (15.2.1910 in Muncie, Indiana – gest. 16.3.1974) , experimenteller Psychologe und Professor an der Colombia Universität begann.
1951 entstand das Buch „Gestalt Therapy“ , 1952 wurde das Gestaltinstitut in New York gegründet, 1953 das Gestaltinstitut in Cleveland.
Es kam zur Trennung zwischen Laura und Fritz Perls, woraufhin Fritz zunächst an die Westküste der USA zog, nach Esalen in Big Sur, Kalifornien.
Esalen war ein Begegnungsort vieler ProtagonistInnen des Human Potential Movement.
Eine wichtige, bahnbrechende Begegnung für Fritz Perls war die mit Ida Rolf (* 19.5.1896 in New York – gest. 19.3.1979 in Bryn Mawr, USA), der Begründerin des Rolfing, eine körpertherapeutische Methode der tiefen Arbeit mit Faszien.
Fritz Perls litt jahrelang an einer schmerzhaften und bedrohlichen Herzerkrankung, welche sein Leben zunehmend beeinflusste.
In der Behandlung durch Ida Rolf, welche mitten in den Schmerz hinein arbeitete, wurde Fritz Perls ohnmächtig. Er glaubte, zu sterben.
Als er aufwachte, waren die jahrelangen Schmerzen vorbei.
Fritz Perls, der Zeit seines Lebens seine Erfahrungen in die Weiterentwicklung seiner Theorie hatte einfliessen lassen, entwickelte auf der Basis dieser Erfahrung und seiner darauf folgenden Beobachtungen der Dynamik psychischer Prozesse die Theorie des „Impasse“, später von Staemmler und Bock „Engpaßmodell genannt („Neuentwurf der Gestalttherapie“ 1987).
Diese Theorie besagt, daß, wenn man in einen Schmerz hineinarbeitet, sich in der Tiefe eine Verwandlung der Symptomatik vollziehen kann, welche dauerhaft verändernd ist.
Da diese Art der Arbeit häufig zunächst deutlich außerhalb der Komfortzone der Betreffenden stattfindet und in einigen Stadien des Prozesses unwägbar und verunsichernd sein kann, traf sie u.a. bei Laura Perls und ihren Gefährten auf grosse Skepsis.
Es entwickelten sich zwei deutlich unterschiedliche Arbeitsweisen der Gestalttherapie: Der „Westcoast“- Stil von Fritz Perls und der „Eastcoast“ – Stil von Laura Perls u.a.
Der Westcoast – Stil, den Fritz Perls unter anderem durch seine Workshops und Vortragsreisen bekannt machte, sowie durch die Zusammenarbeit mit dem Verleger Steve Andreas (Eigentümer des Verlags „Real People Press“ ) mit der Herausgabe des Buches „Gestalt Therapy Verbatim, arbeitet in Symptome hinein, was nicht selten intensive Erfahrungen beinhaltet wobei der „Eastcoast“ – Stil betrachtender ist und sich viel auf den Erfahrungsraum zwischen KlientInnen und Begleitenden bezieht.
Fritz Perls starb 1970 in Chicago, während einer Vortragsreise.
ProtagonistInnen und Weiterentwickler seines „Westcoast“ – Stils waren unter anderen Claudio Naranjo, Psychiater (* 24.11.1932 in Chile – gest. 12.7.2019 in Berkeley, USA), Paul Rebillot (* 19.5.1931 Detroit – gest. 11.2.2010 in San Francisco) und Leonard Shaw (*23.8.1935 – 28.2.2022 in Seattle, USA).
Claudio Naranjo , u.a. auch ein Weggefährte Carlos Castanedas und Michael Harners, leitete Zeit seines Lebens sehr viele Workshops, die intensive Erfahrungen für alle Teilnehmenden beinhalteten.
Er war einer der Nachfolger von Perls im Esalen Institut.
Nach einer Begegnung mit Oscar Ichazo 1970 lernte er das Enneagramm kennen und entwickelte es zu einer Lehre der 9 Persönlichkeitsstrukturen.
In der Folge verwob er seine Erkenntnisse aus vielen Bereichen zu einer Arbeit, die er SAT – Programm nannte (S seakers A after T truth).
Paul Rebillot, Philosoph, Theaterpädagoge und Psychotherapeut, war ebenfalls am Esalen – Institut.
Nach einer Begegnung mit Joseph Campbell entwickelte er eine Synthese aus Gestalttherapie, Theater, Ritualen, Mythos und Gruppenprozessen.
Er schuf einige intensive strukturierte therapeutische Prozesse. Der bekannteste von ihnen ist die „Heldenreise“.
Leonard Shaw, ein Psychiater, entwickelte einen auf der Gestalttherapie basierenden Ansatz, der östliche Weisheiten mit der Arbeit an Traumata verbindet. Er nannte seine Arbeit „Love and forgiveness“ und arbeitete über 30 Jahre lang in Hochsicherheitsgefängnissen und in Workshops in aller Welt.
Ein weiterer Fokus lag für Shaw auf der Arbeit mit Paaren.
Er bezog sich in seiner Arbeit vielfach auf das Kernprinzip der Gestaltpsychologie : „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ (Aristoteles?)
Weitere wichtige Ansätze, die zur Weiterentwicklung der Westcoast – Gestalttherapie beigetragen haben, sind die allgemeine Systemtheorie, die Erkenntnisse von Psychoneurobiologie und verschiedene Formen der Traumatherapie.
Diese Einflüsse heben unsere Arbeitsweise ab von dem ursprünglichen Westcoast – Stil von Fritz Perls,der Stil fußt aber auf seinen Erkenntnissen.
ProtagonistInnen des weiterentwickelten Stils der Westcoast-Gestalttherapie sind zum Beispiel Yvonne-Eva Thiemann (*7. Januar 1965 in Münster) und Kathrin Otten (12. Dezember 1975 in Berlin).
Thiemann arbeitete jahrelang mit Betroffenen schwerer Gewalt und verwob ihren Stil der Gestalttherapie mit Erkenntnissen der Traumaheilung.
Sie entwickelte eine Form der Gestalttherapie-Ausbildung, welche die Arbeit mit Einzelnen und Gruppen, sowie mit strukturierten therapeutischen Prozessen
(z.B “die Arbeit mit dem “Inneren Kind”, “Beziehungsklärung mit den Eltern” (v. Xeto Doris Henning und Thomas Bungardt) , “die Arbeit mit dem Schatten” “Heldenreise” (Paul Rebillot), und mit Ritualen ,z.B. Medizinrad (nordamerikanisch, Lakota) umfaßt.
Otten ist eine Expertin und, zusammen mit Martin Meyer- Stoll, Weiterentwicklerin und Ausbilderin der “Heldenreise” nach Paul Rebillot und arbeitet mit Archetypen, sowie mit Familienstellen nach Victor Chu.
Beide leiten Ausbildungsinstitute im Sinne der Westcoast Gestalttherapie in Münster, bzw. Marburg.
Der Kern der Westcoast Gestalttherapie ist eine grundsätzlich positive Sichtweise auf den menschlichen Organismus und sein fortwährendes Vervollständigungsbestreben.
Widersprüchliche oder gegenläufige Impulse und Dynamiken innerhalb desselben Organismus werden darauf zurückgeführt, daß sie unterschiedlichen Anteilen entspringen.
Wird man sich dieser Anteile bewusst und arbeitet integrierend, legen sich die Widersprüche und es wird ein tiefer “Frieden mit sich selbst” möglich.
Diese Integration kann auf sehr unterschiedliche Art begünstigt werden.
Von körpertherapeutischen (vgl. Rebillot / Lowen / L Johnson) , bis zu Interventionen auf Basis Erkenntnisse der Psychoneurobiologie ist die Bandbreite groß.
Grundsätzlich ist der Blick und die Herangehensweise immer getragen von einem großen Respekt vor der Sinnhaftigkeit der Ausdrucksweisen des menschlichen Organismus und seinen natürlichen Prozessen der Heilung.
Für Fritz Perls war Gestalttherapie nie „fertig“. In dieser Tradition verwenden wir neue Erkenntnisse auf allen Ebenen (zum Beispiel auch Gruppenprozessen) und verwenden sie zu Weiterentwicklung unserer Arbeit.
Wir sehen uns wie den menschlichen Organismus: ein lernendes System.
